«Auf Wunsch wird auch gesungen»

Eine Reportage: Mit dem Bieler Velokurier unterwegs

Sorgfältig nimmt er das kleine Paket aus der Tasche und legt ein paar Briefe hinein. «Zuerst muss ich diese Zahnprothese bei einem Dentallabor abliefern», sagt Pascal Aebi und zeigt auf das kleine Paket, das er nun zuoberst in der roten Tasche verstaut. Trotz der Handschuhe sind seine Bewegungen flink. Die Kälte um acht Uhr morgens ist enorm. «Ich habe heute die Radnaben meines Velos schon mehrmals mit dem Feuerzeug auftauen müssen, weil sie eingefroren waren», erzählt Aebi mit breitem Lachen. Er ist seit sieben Uhr unterwegs. Der 28-Jährige arbeitet seit zwei Jahren beim Bieler Velokurier. An vier Tagen in der Woche ist er mit dem Rennvelo auf Bieler und Seeländer Strassen unterwegs, um die unterschiedlichsten Waren auszuliefern.

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Das Ein- und Ausklicken der Schuhe in die Pedale wird zum vertrauten Geräusch. Es sind aber nicht die Stoppzeichen, Rotlichter und Autofahrer, die den Velo-Kurier hauptsächlich zum Auf- und Absteigen zwingen. Denn an den Kreuzungen, wo jeder Durchschnittsfahrer an- hält, einen Fuss vom Pedal nimmt und auf den Boden stellt, kann Aebi sein Velo ausbalancieren. Am Zielort angelangt, klickt er sich aus, steigt vom Velo und geht zielstrebig zum Eingang. Mit dem Rücken stellt er sich zur Glasscheibe, prompt öffnet sich die Tür. «In dieses Gebäude kommt nur, wer einen entsprechenden Badge besitzt», beantwortet Aebi die ungestellte Frage. Zielstrebig geht er durchs Gebäude in den Raum, wo die zu verteilende Post aufliegt. Er wird sie in die Zweitniederlassung des Unternehmens bringen - auf dem Weg dorthin leert er noch rasch ein paar Postfächer bei der Hauptpost. «Das sind alles Daueraufträge von verschiedenen Kunden.»

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Der Stapel mit Briefen und Mappen ist gross, auch zwei Pakete sind dabei, eines davon äusserst schwer. «Es ist alles eine Frage des Packens», sagt Aebi. In der Tasche, die er am Rücken trage, habe sehr viel Platz. Passt doch nicht alles hinein, packt er den Rest in einen Anhänger. Beim Einpacken muss unbedingt darauf geachtet werden, dass die Ware nicht Schaden nehmen kann. Besonders wenn es regnet passt er auf, dass die Tasche gut geschlossen ist. «Natürlich kann es mal vorkommen, dass beim Ein- oder Auspacken Wasser vom Helm auf die Ware tropft. Aber wir sind vorsichtig», erklärt Pascal Aebi, während er mit geübten Griffen den letzten Brief verstaut. Er schultert die Tasche, wirft beim Hinausgehen noch rasch einen Blick auf die Uhr und schon tritt er wieder kräftig in die Pedale.

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Aber nicht nur Briefe und Pakete werden vom Velokurier ausgeliefert. «Unser Spektrum ist breit», erklärt Pascal Aebi während er in einer Zahnarztpraxis an der Rezeption wartet - auf eine weitere Zahnprothese, die er in ein Dentallabor bringen soll. «Wir liefern Blumen aus, Medikamente für Apotheken und schauen in den Ferien auch zu Tieren und Pflanzen», zählt er auf. Unterbrochen wird er von der Empfangsdame, die ihm die Prothese - fein säuberlich verpackt - in die Hand drückt. Vorsichtig legt Kurier Aebi das Paket in die Tasche. «Au revoir» und weiter geht es. Zu Fuss die Treppen aus dem fünften Stock hinunter, «das geht bei weitem schneller als den Fahrstuhl abzuwarten.» Die Termine müssen eingehalten werden.

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Was ist das Verückteste, das er je erlebt hat in den letzten zwei Jahren, die er als Velokurier arbeitet? «Ich überlegs mir während der Fahrt.» Sagts, nimmt sein schwarzes Rennvelo und rassig gehts auf der Verresiusstrasse dem Kreisel entgegen. Wer glaubt, dass Aebi nun das Tempo beim Kreisel stark verlangsamt, täuscht sich. Ein konzentrierter Blick nach links, dann fährt er zügig hinein. «Mit der Zeit kann man die Autofahrer recht gut einschätzen. Die Routine machts, dass man den Verkehr ein wenig in den Griff bekommt.» Es sei wichtig vorausschauend zu fahren - nur so könnten Fehler der anderen Verkehrsteilnehmer korrigiert werden. «Denn viele Autofahrer können die Velofahrer und ihre Geschwindigkeiten nicht einschätzen», so Aebi. Konzentration sei äusserst wichtig. «Und wir dürfen nicht übermütig werden.» Einen Unfall hat Pascal Aebi noch keinen gehabt und auch sonst niemand aus dem elf-köpfigen Velokurier-Team. Natürlich komme es mal vor, dass jemand stürze, besonders wenn die Strassen am frühen Morgen glatt sind. «Die Gefahren sind nicht zu unterschätzen.»

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Das eine oder andere Mal müssten sie Dinge in einem Bordell abholen oder abliefern. Oder wenn sie Geburtstagsblumen auslieferten, könne es schon mal vorkommen, dass «ein Ständchen» gewünscht werde. «Happy Birthday singen, das kann ich schon, aber für die Richtigkeit des Tons übernehme ich keine Verantwortung», erzählt Pascal Aebi mit einem Lachen. «Wir holen ausserdem ein Kind im Kindergarten ab und begleiten es in die Krippe - allerdings mit dem Bus.»

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Die Zentrale des Bieler Velokuriers ist klein. Das Büro scheint aus allen Nähten zu platzen: Aktenordner füllen das Büchergestell. Ein grosser Tisch - überstellt mit Computer, Drucker und Telefonzentrale - nimmt ebenfalls viel Platz ein. Drei Männer und eine Frau in schwarz-roter Velokleidung sind anwesend. An den Wänden hängen Zeitungsartikel, die über die Teilnahme der Bieler an verschiedenen Velokurier-Meisterschaften berichten. Das Telefon klingelt: Eine Sendung aus Bern - aufgegeben vom Berner Velokurier - ist mit der Bahn nach Biel unterwegs. Die vier sprechen sich kurz ab, dann ist klar: «Ich werde das Paket um zwanzig nach zwölf, wenn der Zug in Biel eintrifft, aus dem Gepäckwagen holen und ausliefern», sagt Pascal Aebi.

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Also geht es wieder nach draussen in die Kälte. Ist das Wetter nicht manchmal zermürbend? «Gegen die Kälte kann man sich schützen, aber wenn man einmal nass ist, ja dann....». Dies sei auch mit ein Grund, weshalb sich viele gegen diesen Job entschieden. «Im Sommer, während Schönwetterperioden haben wir zahlreiche Anfragen von Leuten, die mitarbeiten möchten. Aber kaum wirds kälter und nass schwindet das Interesse», erklärt Pascal Aebi, stülpt den Velohelm über, zieht seine Handschuhe an und macht sich auf den Weg.

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Auf der Höhe McDonalds biegt er scharf nach links in die Sesslerstrasse ein, drosselt kurz sein Tempo, um dann nach rechts in die Zentralstrasse einzubiegen. Auf der Geraden legt Aebi sofort wieder an Geschwindigkeit zu. Ihm zu folgen ist nicht einfach. Der Tacho zeigt 35 Stundenkilometer an. Wäre jetzt nicht späterer Nachmittag, hätte er den direkten Weg zur Mühlebrücke gewählt - durch die Nidaugasse. Aber die Durchfahrt dieser Strasse ist für den Güterumschlag und somit auch für die Velokuriere nur bis 10.30 Uhr gestattet.

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Nach Feierabend werden auf dem Tacho die gefahrenen Kilometer kontrolliert: «Obschon die heutigen Fahrten nur selten über die Stadtgrenze hinausgingen, sind wir rund 80 Kilometer gefahren», sagt Pascal Aebi. Es gebe natürlich Tage, an denen die Kuriere bis zu 120 Kilometer abstrampelten - «gerade vor Weihnachten, wenn wir zig Weihnachtssterne, Pakete und Briefe ausliefern, kommen wir auf diese Distanzen.» Nicole Bärtschiger
Von vertraulichen Akten, Layouts, Zahnprothesen, Besorgungen bis zu roten Rosen transportieren die elf Bieler Velokuriere - neun Männer, zwei Frauen - alles: in Biel und der Region, aber auch via Velocity in die ganze Schweiz und mit dem Overnight-Service bis nach Deutschland/Europa. Aufträge, Informationen und Tarife sind über die Telefonnummer 032 365 80 80 zu erfahren. Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 7 bis 19 Uhr. Samstag: 8 bis 16 Uhr oder nach Vereinbahrung.

Bieler Tagblatt vom 21.12.1999

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