«Für mich ist dies ein Traumjob»

In der Stadt fallen sie auf. Sie flitzen in Velokluft auf ihrem Bike oder Rennvelo mit dem roten Rucksack durch die Strassen - für den Auftrag, gegen die Zeit. Ein Porträt eines Velokuriers.

Rahel Mösch

Die erste Strecke führt kurz nach sieben Uhr morgens steil zum Spital hinauf. Andreas Toth führt einen Stapel Briefe in seinem Rucksack mit, der Anhänger ist noch leer. Briefe abliefern, Röntgenbilder und wieder Briefe in den Rucksack packen, die Pakete kommen in den Anhänger. Toth schüttelt den nun voll gepackten Anhänger. Ein Test, ob während der Fahrt nichts runterfallen könnte.
Verschiedene Besuche in Arztpraxen stehen an. «Guten Morgen, vielen Dank, einen schönen Tag noch», sagt Velokurier Toth lächelnd zu den Damen am Empfang. Dieser Job ist nichts für Morgenmuffel. Zwischen zwei Praxen gibt Toth die Pakete bei der Post-Baracke ab - weniger Ballast, weniger stark in die Pedale treten. Den leeren Anhänger lässt er dort stehen. «Den wird niemand nehmen», sagt Toth - er scheint Vertrauen in die Menschheit zu haben.

«Ich versuche, das Risiko abzuschätzen»

Anhalten, sofort das Mountainbike an die Hauswand stellen - ohne es zu schliessen, Ware aus dem Rucksack klauben, im Haus verschwinden, Türe suchen, klingeln. Es ist immer das gleiche Szenario. An viel befahrenen Strassen nimmt Toth das Velo mit in den Hausgang. «Ich versuche immer, das Risiko abzuschätzen - obwohl es gar nicht abschätzbar ist.» Bis jetzt sei ihm noch kein Velo geklaut worden, sagt der 27-jährige Bieler, anderen Velokurieren sei das aber schon passiert.
An zwei bis drei Tagen pro Woche flitzt Toth mit seinem Mountainbike durch Biels Strassen und bringt unter anderem Blumen, Briefe, Röntgenbilder von einem Ort zum anderen. An diesem Tag muss er auch eine Blutprobe transportieren. Einmal habe er mehrere Filmrollen im Anhänger befördert: «Eine Rolle hatte einen Durchmesser von etwa 70 Zentimeter. Das war ein ziemliches Gewicht.»

«Sex, Bike and Rock 'n' Roll»

Velokurier - für Toth «schon sicher seit zehn Jahren ein Traumjob». Und er ist es in den neun Monaten, in denen er ihn ausübt, auch geblieben. «Ich verdiene meine Brötchen mit dem, was ich gerne mache.» Am liebsten würde er vollzeitlich als Velokurier arbeiten. Doch der 40-Prozent-Job habe auch Vorteile - «so bin ich immer motiviert, noch mehr zu fahren. Velofahren ist das Grösste», schwärmt Toth. «Wobei - es gibt doch noch andere Sachen», ergänzt er nach kurzem Nachdenken. «Sex, Bike and Rock 'n' Roll», sagt er. Seine Augen blitzen. Er lacht.
Toth saust die Zollhausstrasse hinunter. Er trägt immer einen Helm, nicht aber alle zwölf Bieler Velokuriere - Helmtragen ist nicht Vorschrift. Toth achtet auf die Sicherheit: «Wenn ein Velokurier im Dunkeln ohne Licht fährt, sollte er sich lieber einen anderen Job suchen. Zu Beginn war ich ein militanter Velofahrer. Ich merkte aber schnell, dass das zu gefährlich ist.» Nun versuche er, so vorsichtig wie möglich zu fahren.

«Die Luft wird am Nachmittag schlechter»

Am schwierigsten ist das schnelle Vorwärtskommen im Morgen- und Feierabendverkehr. Dazu kommen die Abgase. «Ab 16 Uhr ist die Luft in der Stadt deutlich schlechter», weiss Toth. Er sei froh gewesen, dass er im Juli und August Ferien hatte. «Im Sommer spürt man die Abgase noch deutlicher.» Er kriege dann jeweils einen Hustenreiz.
Toth spricht von der «Blüemlitour» oder von der «Röntgentour». Plötzlich klingelt sein Handy. Der Tagesverantwortliche erteilt ihm zusätzliche Aufträge. So kommen zu den verbliebenen Kartons drei Blumensträusse in den roten Rucksack, einen Grossen hält Toth in der Hand. Nicht einfach, so durch den Stadtverkehr zu fahren. Immer wieder muss gebremst, ausgewichen oder balanciert werden.
Wieder klingelt das Handy. Eine Blutprobe muss Toth abholen und zum Bahnhof bringen. Langsam beginnt die Uhr gegen ihn zu laufen. Um 11 Uhr 20 - in 20 Minuten - sollte er bei der Velokurier-Zentrale in Madretsch sein, es sind aber noch mehrere Röntgenbilder und Blumensträusse abzugeben. Diverse Strassen in Mett und Bözingen, wieder zum Bahnhof, noch in die Klinik, zur Zentrale - das sind mehrere Kilometer, dazu kommt die Höhendifferenz. Toth tritt in die Pedale - der Wettlauf gegen die Uhr beginnt. Schon bald informiert er den Tagesverantwortlichen, dass es zum abgemachten Zeitpunkt nicht reichen werde.
«Sonnenstrasse 5», ruft er, sobald er die Blumen abgegeben hat. Gleichzeitig überlegt er den kürzesten Weg dorthin und rast wieder davon. Um halb eins ist Toths Röntgentour schliesslich beendet. Die etwa 120 Kilometer in den Waden spürt er nicht.

Bieler Tagblatt vom 27.10.2001

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