Seit zehn Jahren radelt der Bieler Velokurier erfolgreich für Kunden und Umwelt. Am Anfang der Erfolgsstory standen viel Idealismus, ein Zusammenbruch und ein bengalischer Tiger.
Andrea Sommer
Als Hans Ueli Köhli - alle nennen ihn Huk - 28 Jahre alt war, zog sein Körper die Notbremse: Damals Werbeleiter der Bieler Perrot AG, führte er ein Leben auf der Überholspur und erlitt eines abends spät im Büro einen Zusammenbruch. «Da wusste ich, dass ich mein Leben umkrempeln muss, wenn ich nicht dabei draufgehen will», erklärt Köhli seinen Ausstieg aus dem gutbezahlten Job. Gemeinsam mit seiner Lebenspartnerin schnürte er sein Bündel und kehrte der Schweiz für 14 Monate den Rücken. Die Reise führte auf die Philippinen, nach Indonesien, Malaysia, Thailand und Indien. Dort hatte der Bieler das zweite einschneidende Erlebnis: «Als ich im Dschungel einem freilebenden Tiger begegnete, erkannte ich die Schönheit der Natur.» Damals sei der Wunsch entstanden, Ökologie und Ökonomie zu verbinden.
Gleichzeitig reifte in den drei Bielern Beat Kobi, Christian Stauffer und Elke Ritter eine ähnliche Idee, die sich schliesslich am 23. Oktober 1991 in einer Vereinsgründung niederschlug: Die Geburtsstunde des Velokuriers. «Wir wollten einen sinnvollen Job machen, etwas, das nicht nur uns etwas bringt», erklärt Elke Ritter die Motivation. Mit viel Idealismus - «verdient haben wir damals so gut wie nichts» und wenig Kapital - Ritter erbte 20 000 Franken - stürzten sich die drei ins Geschäft.
Zwei Jahre später kam die Ernüchterung: Nur wenige Firmen buchten den zweirädrigen Kurierdienst, die drei Kurier-Betreiber wurden belächelt. «Wir waren Idealisten, aber keine Marketing- oder Werbe-Spezialisten.» Genau so einer musste aber als Geschäftsführer her, sollte das Geschäft erfolgreich funktionieren.
Im Bio-Laden in dem seine Partnerin arbeitete, stiess Hans Ueli Köhli auf den Anschlag, mit dem der Velokurier einen Profi, einen trainierten Radfahrer mit Marketingerfahrung, suchte. «Wir entschieden uns für Köhli, weil er die Kombination von Umweltbewusstsein und Geschäftssinn in sich vereint», sagt Ritter. Eine gute Entscheidung: Heute macht Köhli mit acht ständigen Fahrern einen Jahresumsatz von über 400 000 Franken und gehört damit zu den führenden Velokurieren der Schweiz. «Umsatzmässig liegen wir vor den Städten Genf, St. Gallen und Winterthur», freut sich Kurier-Chef Köhli.
Bald nach seinem Einstieg als Geschäftsführer beschloss der Verein, den Velokurierbetrieb an Köhli zu verkaufen. Verdient haben die Initianten daran nichts. «Dass die Idee weiter lebt war uns wichtiger als Geld», sagt Elke Ritter. Für sie sei der Kurier wie ein Kind gewesen, das man zur Welt bringe, aufziehe und dann gehen lasse. «Was bleibt, ist die Freude, wenn ich die Kuriere durch die Stadt radeln sehe.»
Doch auch Köhli kämpfte in den ersten Jahren mit Vorurteilen: «Viele glaubten, wir seien einfach ein paar Öko-Freaks ohne Geschäftssinn.» Die Kritiker verstummten jedoch bald, «weil bei uns das Preis-Leistungsverhältnis eben stimmt», so Köhli. Neue Dienstleistungen wie Blumenlieferungen und Einkäufe für ältere Menschen ergänzten bald den traditionellen Kurierdienst. Heute versorgt der Velokurier auch Haustiere und Pflanzen während der Abwesenheit ihrer Besitzer und organisiert Kurierdienste mit Velo und Bahn bis über die Schweizer Grenzen hinaus. Aber auch innerhalb der Schweiz schuf der Bieler Velokurier, in Zusammenarbeit mit anderen Anbietern und der SBB, ein funktionierendes Transportnetz. Köhli: «Wir suchen den schnellsten und umweltfreundlichsten Transportweg.»
Und das soll in naher Zukunft auch für menschliche «Fracht» gelten: Köhli will das Angebot zur Expo hin auf Velo-Taxis ausdehnen. «Damit wären wir neben Berlin die zweite europäische Stadt, die diese Art des umweltfreundlichen Personentransports anbietet.» Die Gefährte haben drei Räder, 21 Gänge, einen batteriebetriebenen Hilfsmotor und bieten Platz für maximal zwei Personen. Als ganz besonderes Gefährt soll noch eine original thailändische Rikscha durch Biel kurven, gefahren vom ehemaligen Langstrecken-Mountain-Biker Rolf Uhlmann. «Wir müssen die Fahrzeuge erst testen, bevor wir klar sagen können, dass wir sie betreiben», sagt Köhli. Dies hänge jedoch auch davon ab, ob die Stadt dem Projekt eine Betriebsbewilligung über die Expo-Zeit hinaus erteilt. Köhli: «Ich mache keine kurzfristigen Sachen.»
Das gilt auch für sein zweites Standbein, ein Hilfsprojekt in Indien. Im Süden des Landes, wo die drei Staaten Karnataka, Kerala und Tamil Nadu zusammentreffen, machte sich Köhli vor Jahren daran, Wald aufzuforsten und die örtliche Bevölkerung für den Naturschutz zu sensibilisieren. «Wir haben in diesem Gebiet Solarkocher eingeführt, damit die Menschen weniger Bäume für Brennholz fällen müssen und bis heute um die 15 000 Bäume gepflanzt», erklärt Köhli. Das Hilfsprojekt finanziert er - wie zu seinen Anfangszeiten den Velokurier - teilweise über Konzerte, die er im Bieler Gaskessel organisiert. Wer also diesen Sonntag anlässlich der Velokurier-Geburtstagsparty im Kessel abtanzt, tut dies für einen guten Zweck.
Am Ostersonntag feiert der Velokurier seinen 10. Geburtstag mit einem rauschenden Fest im Bieler Gaskessel. Auf der Bühne werden die Bands Safara (Afro), Famara (Reggea-Afro-Ragga), Skaladdin (Ska, Punk) und DJ Flow7 für Stimmung sorgen. Türoffnung: 21 Uhr.
Bieler Tagblatt vom 28.03.2002
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